Sagen rund um das Bernina Glaciers Gebiet

Morteratschgletscher bei Pontresina
Morteratschgletscher im Engadin

Auf einer Wanderung zur Bovalhütte im Engadin erlebte ich nicht nur die majestätische Schönheit der Alpen, sondern hörte auch die tragische Geschichte, die den Ursprung des Namens Munt Pers erklärt sowie eine bewegende Erzählung, die die Geister der Vergangenheit lebendig werden liess.

Wie der Munt Pers zu seinem Namen kam

Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich meinen Aufstieg vom Bahnhof Morteratsch zur Bovalhütte begann. Die frische, klare Luft der Alpen füllte meine Lungen und jeder Schritt auf dem schmalen Pfad fühlte sich an wie eine Reise in eine andere Welt. Die Bergblumen haben inzwischen ihre volle Farbenpracht erreicht und die Zweige der Nadelbäume schaukelten im leichten Wind. Es dauerte nicht lange, bis ich die Baumgrenze erreichte und die Vegetation spärlicher wurde. Die Aussicht ins Tal unter mir und auf das Gletschermassiv vor mir wurde immer spektakulärer und das Pfeifen der Murmeltiere, die sich gegenseitig warnten, und das leise Summen von Insekten begleiteten mich auf meinem Weg. Das letzte Stück führte mich durch schroffes, felsiges Gelände, und dann erreichte ich die Bovalhütte – ein bescheidenes Juwel inmitten dieser grandiosen Landschaft. Ich setzte mich auf die Terrasse und während ich die unendliche Schönheit der Natur in mich aufnahm, setzte sich ein alter Wanderer neben mich und erzählte mir eine Geschichte von Liebe und Verlust, die sich genau hier, in diesen Bergen, vor langer Zeit abgespielt hatte.

Siehst du dort hinten, wo der Persgletscher und der Morteratschgletscher aufeinandertreffen?"», fragte mich der alte Wanderer. «Dort war vor langer Zeit einmal eine herrliche Alp, auf deren saftigen Weiden ein junger Senn sömmerte. Aratsch hiess er. Eines Tages verliebte er sich in Annetta, die Tochter eines reichen Pontresiner Bauern, und auch sie schenkte ihm ihr Herz. Doch wie es so oft vorkam zu dieser Zeit, gaben ihre Eltern den beiden ihren Segen nicht, denn sie wünschten sich einen wohlhabenden Ehemann für ihre Tochter. Sie versicherten ihm jedoch, dass sie es sich nochmals überlegen würden, wenn er es schafft, Wohlstand zu erlangen. So ging Aratsch als Soldat in die Fremde, denn schon mancher Engadiner ist so zu Ansehen und Vermögen gekommen. Es vergingen einige Jahre und Aratsch kehrte tatsächlich als Hauptmann ins Engadin zurück und erhielt Einlass in Annettas Elternhaus. Doch er fand seine Geliebte aufgebahrt im Totenbaum vor – sie ist an gebrochenem Herz gestorben. Gequält schwang sich Aratsch auf sein Pferd und galoppierte hinauf zu jener Alp, wo sie beide einst glückliche Zeiten erlebt hatten. Doch er ritt daran vorbei, hoch hinauf zum Gletscher und hinein in einen dunklen Gletscherschlund. Aratsch und sein Pferd waren nie mehr gesehen.»

«Damals sömmerte der alte Barba Gian auf der Alp und hörte seitdem nachts seltsame Geräusche aus dem Milchkeller. Es war ihm, als rührte jemand in den Milchbottichen, während eine Frauenstimme leise 'Mort Aratsch, Mort Aratsch' (Aratsch ist tot) klagte. Es war Annettas Geist, der nach dem Tod ihres Geliebten keine Ruhe finden konnte. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Kühe mehr und fettere Milch gaben, und als die Zeit für Gian gekommen war, seinen Nachfolger einzuweisen, empfahl er diesem, den Geist nur gewähren zu lassen. Doch der neue Senn war ein hartherziger Mann und er verjagte Annettas arme Seele mit einem furchtbaren Fluch. Von Stund' an bewegte sich der Morteratschgletscher voran und bald schon hatten seine Massen die Alp und das gesamte Seitental bis weit gegen den Berg, der seitdem Munt Pers heisst, unter sich begraben. Nur die Isla Persa (die verlorene Insel) zwischen den beiden Gletschern und die Bovalhütte erinnern noch an den einstig fruchtbaren Boden um die Alp.»

Fasziniert und gerührt stellte ich fest, dass ich komplett meine Aussenwelt ausgeblendet habe. Die Worte des alten Wanderers liessen mich förmlich spüren, wie die Geister von Aratsch und Annetta noch immer durch die Täler zogen. Ich bezahlte meinen Kaffee, dankte dem alten Wanderer und setzte mit einem Gefühl der Ehrfurcht und Verbundenheit meinen Weg fort, dankbar für die Geschichten und die Erinnerungen, die diese majestätischen Berge bewahrten.