Vista istorica

Architektur aus der Belle Époque
Wie lieblich die hochalpine Landschaft in Pontresina doch ist. Nach Harz duftende Wälder, die das ganze Jahr zum Spazieren einladen. Imposante Berge und leuchtende Gletscher. Gleichzeitig eine offene und weite Talebene. Und auch im Winter sonnenverwöhnt. Gute Gründe, warum hier schon früh der «Fremdenverkehr» einsetzte, wie man damals sagte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Belle Époque entstanden in Pontresina bereits mehr als ein Dutzend Sommerhotels. Einige davon (Schloss, Kronenhof, Saratz) können Sie gut von hier erkennen. Diese Grand Hotels bestehen auch heute noch und verleihen dem Dorf seinen Charme und Flaniercharakter.
Hartes bäuerliches Leben
Die erste schriftliche Erwähnung findet «ad Pontem Sarasinam» auf einer Urkunde aus dem Jahr 1137. Die Gegend um Pontresina ist aber schon zur Bronzezeit besiedelt, jedenfalls weisen Fundstücke darauf hin. Im Mittelalter mag Pontresina 100 bis 200 Einwohnerinnen und Einwohner gezählt haben und war zeitweise Hauptort im Oberengadiner Hochtal. Das Leben ist hart, dafür sind die Menschen relativ frei. Sie versorgen sich selbst, pflanzen Gerste und Roggen an, was im kalten Oberengadin eine grosse Herausforderung darstellt. Als Vieh werden vor allem Schafe gehalten, diese sind genügsam und liefern neben Milch auch Wolle. Wichtig fürs Überleben ist nicht zuletzt die Bewirtschaftung der Alpweiden.



Nebenverdienst als Säumer
Zudem ist Pontresina schon immer ein wichtiges Durchgangsdorf unterhalb des Berninapasses. Diese günstige Lage ermöglicht die Einfuhr von Wein und Salz. Gleichzeitig liefert der Handelsverkehr ein wichtiges Nebeneinkommen für die Bauern. Pontresina besitzt lukrative Portenrechte und kann bestimmen, wer Menschen und Waren über die schmalen und teils gefährlichen Säumerpfade führt. Die Portenrechte sind genau geregelt; Pontresina ist für den Transport vom Bernina Hospiz bis nach Samedan berechtigt, trotzdem gibt es immer wieder Streitigkeiten mit dem südlich gelegenen Nachbardorf Poschiavo.
Technischer Fortschritt
Der technische Fortschritt im 19. Jahrhundert führt dazu, dass die Strassen und Alpenpässe in Graubünden immer besser werden. Die lukrativen Portenrechte kommen unter Druck und werden 1861 per Bundesbeschluss aufgehoben. Wenig später (1865) geht am Berninapass die erste Kunststrasse in Betrieb. Postkutsche und Postschlitten lösen in der Folge die Säumerkolonnen ab. Dank der besseren Strassen bekommt auch der Tourismus im Engadin einen kräftigen Schub. Der Julierpass wird bereits in den 1820er-Jahren für Postkutschen ausgebaut.


Zwei Eisenbahnlinien
Doch die Reise ins Engadin bleibt beschwerlich. Dies ändert mit dem Einzug der Eisenbahn. 1903 wird die Albulalinie eröffnet, 1910 die Berninalinie, welche sogleich mit elektrischem Strom betrieben wird. Zusammen bilden diese beiden Bahnlinien seit 2008 übrigens das UNESCO Welterbe RhB. Die Rhätische Bahn ist nicht nur ein wichtiges öffentliches Transportmittel, sondern von Beginn an eine touristische Attraktion. Ein 1900 für den ganzen Kanton Graubünden erlassenes Automobilverbot wurde im Übrigen erst 1926 nach mehreren Volksabstimmungen aufgehoben. Die Eisenbahn-Haltestationen zwischen Pontresina und der Valposchiavo sind nach wie vor attraktive Ausgangpunkte, um die Erlebnisregion Bernina Glaciers in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken.
Alpinismus als Tourismustreiber
Der rasante Aufstieg zum Sommer- und später auch Winterkurort erfolgt im 19. Jahrhundert. Wichtige Treiber sind der Gesundheitstourismus (die Heilquellen von St. Moritz sind begehrt und berühmt) und der einsetzende Alpinismus. Letzterer ist besonders für die Entwicklung von Pontresina wesentlich. Das mächtige Berninamassiv lockt Bergbegeisterte aus aller Welt an, vor allem aus Grossbritannien. Auch heute noch ist Pontresina eine renommierte Bergsteigerdestination, andere sportliche Aktivitäten wie Wandern und Biken, Skifahren und Langlaufen sind inzwischen aber dominierend.


Die Lust auf hochalpine Reiseaufenthalte beginnt
Die älteste noch existierende Herberge in Pontresina soll bereits ab 1651 Gäste empfangen haben, sie heisst «Zu den Gletschern» – das heutige Hotel Steinbock am oberen Ende des Dorfes. Ein regelrechter Hotelbauboom setzt 200 Jahre später ein. Es folgt die goldene Zeit der Belle Époque: eine Epoche, die von Fortschritt, politischer Stabilität, zunehmendem Wohlstand und viel Optimismus geprägt ist. Nicht nur unter europäischen Adeligen, sondern auch in vornehmen bürgerlichen Kreisen ist das Reisen immer mehr en vogue. Die meisten Hotels von Pontresina entstehen während dieser fröhlichen Zeitspanne, die mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs ein jähes Ende findet.













Pontresiner Hotels aus der Belle Époque
Hotel Rössli/Krone, 1848, seit 1877 als Grand Hotel Kronenhof
Hotel Weisses Kreuz, 1857, nicht mehr in Betrieb
Hotel Saratz, 1865
Hotel Roseg, 1870, heute eine Wohnresidenz
Hotel Languard, 1875, heute Hotel Allegra (Neubau)
Hotel Pontresina, 1881, heute Sporthotel
Hotel Enderlin, 1884, heute Schlosshotel
Hotel Bernina, 1890
Hotel Müller, 1890
Hotel Post, 1895, heute Hotel Maistra 160 (Neubau)
Hotel Engadinerhof, 1897
Hotel Schweizerhof, 1904
Hotel La Collina, 1905, heute Sunstar Hotel Pontresina
Hotel Palace, 1907, heute Hotel Walther
Hotel Albris, 1912
Hotel Rosatsch, 1914
Flaniermeile mit Charme
Die «Demokratisierung des Reisens» hat schliesslich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren endgültigen Siegeszug erfahren (u.a. «Alles fährt Ski!»). Die ehrwürdigen und schlossartigen Hotelbauten sind jedoch bis heute ortsprägend geblieben. Sie reihen sich der Via Maistra entlang, wo sich die Verspieltheit der Belle Époque an Erkern und Ecktürmen, verschnörkelten Balkonen und Verzierungen zeigt. Auch im Innern sind die Prunksäle mit teils reich dekorierten und denkmalgeschützten Ornamenten geschmückt. Die Grand Hotels und ihre auch für externe Gäste besuchbaren Restaurants und Bars kontrastieren so mit den alten Engadinerhäusern sowie moderner Architektur. Ein über Generationen sorgsam erhaltenes und weltgewandtes Erbe, welches das lebendige Pontresina bis heute zu einem langen Strassendorf mit kosmopolitischem und sonnenverwöhntem Charme macht.


Wildwasserschlucht Ova da Bernina
Zurück