Telescop

Telescop Wildwasserschlucht Ova da Bernina

Kleines Ökosystem mitten im Dorf

Willkommen im begehbaren «Telescop». Dieses bietet einen ausgewählten Blick auf die Wildwasserschlucht Ova da Bernina. Sie können ganz nah an die leicht geneigte Glasscheibe treten und in die Tiefe blicken. Es ist beeindruckend, wie sich der Gletscherbach senkrecht ins Gestein gefressen und ein kleines Ökosystem erschaffen hat. Die Schlucht ist Lebensraum für seltene Pflanzen, Vögel und geschützte Fledermäuse. Die lichtscheuen Tiere sind aber kaum zu sehen – und das ist gut so. Der Erlebnisrundweg soll die sensible Flora und Fauna nämlich nicht stören, daher führt er auch nicht in die Schlucht hinunter. Das war offenbar nicht immer so. Oder warum hat es Überreste einer gemauerten Aussichtskanzel mitten in der Schlucht?

Steter Tropfen höhlt den Stein

Wasser kann Erstaunliches erschaffen, wenn man ihm genügend Zeit lässt. Damit eine enge Schlucht mit senkrechten und sogar überhängenden Wänden entsteht, benötigt es eine zweite wichtige Zutat: hartes und festes Gestein. Und als Drittes: plötzlich abfallendes Gefälle. Dann frisst sich das Wasser senkrecht in die Tiefe, während an den Seiten keine oder nur wenig Erosion erfolgt. Mit der Zeit – also nach rund elftausend Jahren – ist hier in Pontresina eine 500 Meter lange und rund 30 Meter tiefe Wildwasserschlucht entstanden, ein Meisterwerk der Natur mitten im Dorf.

Wildwasserschlucht Ova da Bernina ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina
Wildwasserschlucht Ova da Bernina ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina
Aussichtskanzel ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina
Aussichtskanzel ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina

Überreste einer Aussichtskanzel

Die Wildwasserschlucht war bereits früher eine spektakuläre Gästeattraktion. Dies bezeugen alte Postkarten und historische Fotos, die einen steilen und exponierten Treppenweg in die Schlucht zeigen. Der Weg führte zu einer Aussichtskanzel nah über dem Wasser, wo das Tosen und Brausen des Gletscherbachs aus nächster Nähe zu spüren war. Aus dem begehbaren Telescop sind die Überreste dieser Aussichtskanzel gut zu erkennen. Sie wurde wahrscheinlich in den Zwischenkriegsjahren erstellt, als der Tourismus neue Attraktionen benötigte, um wieder Fahrt aufzunehmen. Mit dem Bau der Umfahrungsstrasse (1963/64) wurde der gefährliche Schluchtweg jedoch stillgelegt. Eine Kanzel in diesem Perimeter ist mittlerweile undenkbar und wäre nicht mehr realisierbar. Nach heutigen Erkenntnissen liegt die Kanzel nämlich in einem Gefahrenbereich (Hochwasser) und wurde z.B. im Sommer 2022 nach massiven Starkniederschlägen komplett überschwemmt und von den Wasserkräften mit massivem Schwemmholz eingedeckt.

Eisklettern in der Schlucht
Eisklettern in der Schlucht
Eisklettern in der Schlucht

Die Schlucht wird wieder bekannt

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt, wurde die Pontresiner Wildwasserschlucht in den 1990er Jahren von einheimischen Eiskletterern. Die Schlucht mitten im Dorf wurde schnell bekannt in der Eiskletterszene. Dadurch kamen auch Ideen auf, das Naturjuwel ganzjährig und für die Allgemeinheit als Naherholungsgebiet besser erlebbar zu machen. Mit Stegen, Plattformen und Seilrutschen nah über dem Wasser. Doch Solcherlei wurde von den lokalen Touristikern bald aufgegeben. Einerseits aus Sicherheitsgründen: Bei Hochwasser kann der Wasserpegel schlagartig um mehrere Meter ansteigen. Andererseits aus berechtigten Naturschutzgründen: In der Schlucht leben Vögel, geschützte Fledermäuse und zahlreiche Insekten, die als Futterquelle dienen.

Wildwasserschlucht
Wildwasserschlucht

Den Lebensraum geschützter Fledermäuse erhalten

Neun Fledermausarten sind in der Wildwasserschlucht von Pontresina nachgewiesen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Insektenfresser sind und während der Dämmerung jagen. Zudem halten alle heimischen Arten Winterschlaf. Die Schlucht ist ein wichtiger Lebensraum für die scheuen Flugkünstler. Hier herrscht ein feuchtes Mikroklima und die Vegetation ist von Menschen unberührt, was gut für die Insektenvielfalt ist. Zudem finden die fliegenden Säugetiere Felsspalten und Kluften, wo sie ungestört sind. In der Schweiz gibt es 30 Fledermausarten, die allesamt geschützt sind; denn fast alle Arten sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Daher ist es wichtig, natürliche Lebensräume wie die Dorfschlucht von Pontresina zu erhalten.

Bewusster Umgang mit der sensiblen Natur

Die touristische Inszenierung der Wildwasserschlucht Ova da Bernina erfolgte bewusst sanft, ohne Flora und Fauna zu beeinträchtigen. Besuchende gehen nicht in die Schlucht hinunter, sondern betrachten sie von oben – mit gebührendem Respekt und ohne, dass neue Wegnetze gebaut wurden. Die verschiedenen Schauplätze befinden sich auf Niveau der umgebenden Strassen und Wanderwege. Um die einmalige Landschaft nur minimal zu tangieren, sind die Bauten aufs Nötigste reduziert. Mit klaren und einfachen Linien, welche die Schönheit der wilden Natur hervorheben. Auf eine Querung der Schlucht wurde verzichtet.

Wildwasserschlucht

Wildwasserschlucht Ova da Bernina

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