Punt ota veglia

Punt ota veglia

Wer hat die Brücke gebaut?

Sie stehen zwischen zwei Brücken. Die untere, die Punt ota veglia, ist mindestens 300 Jahre alt, wie eine Inschrift bezeugt. Eine auffallende Brücke muss bei Pontresina aber schon viel länger gestanden haben, denn der Ortsname «ad Pontem Sarasinam» ist seit 1137 belegt. Auch die Herren von «Ponte Saracino» haben ihre Spuren in den historischen Archiven hinterlassen. Während eines ganzen Jahrhunderts übten sie das mächtige Kanzleramt im Oberengadin aus, bevor sie es 1244 an die Plantas von Zuoz verloren. Unklar ist, woher der Name «Saracino» kommt. Hat er etwas mit den Sarazenen zu tun? Haben tatsächlich muslimische Krieger die erste Brücke bei Pontresina gebaut?

Historische Brücke Punt ota veglia ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina
Historische Brücke Punt ota veglia ©Foto Flury, Inh. Alfred Lochau, Pontresina

Pontresina – ein Geschenk zum Seelenheil

Ins Licht der Geschichte trat Pontresina im 12. Jahrhundert. Wie die meisten Oberengadiner Dörfer wird auch «ad Pontem Sarasinam» in den Gammertinger Urkunden von 1137 und 1139 erwähnt. Die Grafen von Gammertingen verkauften damals ihre umfangreichen Engadiner Besitzungen an die Bischofskirche von Chur, ein Gebiet vom Silvaplanersee bis S-chanf und vom Lago Bianco am Bernina bis zum Palpuognasee am Albula. Kostenpunkt: 1000 Mark Silber und 60 Unzen Gold – ein Schnäppchen. Interessant ist, dass die Ländereien bei Pontresina dem Bischof nicht verkauft, sondern geschenkt wurden – zum Seelenheil der schwäbischen Adelsfamilie.

Historische Brücke Punt ota veglia
Historische Brücke Punt ota veglia

Die hohe Brücke

Weitere mittelalterliche Urkunden nennen: de Ponte Saracino (1303) und Puntrischign (1325). Das heute gebräuchliche Pontresina wird erstmals 1552 schriftlich erwähnt. Die stolze Brücke, die über die Wildwasserschlucht führt, gab dem Ort seinen Namen und auch sein Ortswappen. Heute ist sie als Punt ota veglia bekannt (übersetzt: die alte hohe Brücke), man kann sie zu Fuss oder mit dem Velo überqueren, um zum Beispiel den Seilpark oder Pumptrack Cuntschet zu erreichen. Im Winter führt die historische Brücke direkt zu den Langlaufloipen.

Seilpark Pontresina
Seilpark Pontresina
Pumptrack Cuntschet
Pumptrack Cuntschet

Eine harzige Theorie

«Pont» und «Punt» bedeuten Brücke – das ist klar. Die spannende Frage ist: Woher kommen die Endungen «-resina» und «-raschigna»? Eine Deutung bezieht sich auf den nahen Wald, wo einst Harz (auf Romanisch: rescha) gewonnen und nach Venedig ausgeführt wurde, um damit Schiffe abzudichten. Das besagen zumindest mündliche Überlieferungen. Obwohl sich Ortsnamen häufig aus der umgebenden Natur herleiten, ist dies bei Pontresina/Puntraschigna unwahrscheinlich. Denn es fehlen schriftliche Nennungen eines God da la rescha (Harzwaldes) oder einer Punt raschigna (Harzbrücke).

Brücke der Sarazenen?

Oft wird Pontresina mit den Sarazenen in Verbindung gebracht. Dieses kriegerische Volk aus Nordafrika soll im Spaniolaturm geherrscht und die Brücke über den Berninabach erstellt haben. Stimmt das? Der urkundlich belegte Name «Ponte Saracino» legt einen Zusammenhang jedenfalls nahe. Ob die Sarazenen tatsächlich in Pontresina waren, ist hingegen eine offene Frage. Chroniken berichten, dass sie ab 940 mehrmals den Bischofsitz in Chur überfielen und das Kloster in Disentis verwüsteten. Sie kamen bis nach St. Gallen und plünderten gerne im Wallis. Ihre Raubzüge führten sie von Stellungen auf dem Lukmanier und Simplon aus, während ihre Hauptbasis in Saint-Tropez lag, von wo sie 974 wieder vertrieben wurden.
Dass diese Sarazenen eine Brücke in Pontresina bauten, scheint ziemlich unwahrscheinlich; denn sie waren nicht als Baumeister bekannt, sondern als Zerstörer und Plünderer gefürchtet. Und der Spaniolaturm oberhalb des Dorfes wurde erst um 1200 erstellt, also lange nach den Sarazenen-Einfällen.

Spaniola Turm
Spaniola Turm

Der unbekannte Brückenbauer

Doch woher kommt die Bezeichnung «Saracino», die sich bis heute in Pontresina erhalten hat – sowohl im Ortsnamen als auch im bekannten Familiengeschlecht Saratz? Die Bezeichnung hat nur indirekt mit den oben beschriebenen Sarazenen zu tun. Denn im Mittelalter wurden «Sarracenus» und seine diversen Abwandlungen fast schon inflationär verwendet, nicht nur für Muslime, sondern für alle, die einem fremd oder ein wenig dunkelhäutig erschienen. Daher ist es gut möglich, dass ein «Saraschin» oder «Saracinus» die erste Brücke über die Wildwasserschlucht baute. Daraus entstand dann der Name «Punt-Saraschin».

Das Rätseln geht weiter

Für diese Herleitung spricht, dass der Erbauer auch im Namen von anderen Brücken zu finden ist, zum Beispiel in der Tardisbrücke bei Landquart. Ob es wirklich so war? Wir wissen es nicht. Der Dorfname Pontresina/Puntraschigna bleibt rätselhaft. Vielleicht hat er auch etwas mit Buchweizen zu tun. Dessen Anbau hat im benachbarten Valposchiavo und Veltlin eine lange Geschichte und heisst dort «Grano Saraceno».

Wildwasserschlucht

Wildwasserschlucht Ova da Bernina

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