Scena suot la punt

Neuer Bahnhof, neue Brücke
Dieser Rundbogen gehört zur neuen Punt ota, die so neu auch nicht mehr ist. Erbaut wurde die Brücke zwischen 1906 und 1908. Es war die grosse Zeit des Viaduktbaus in Graubünden, als der Kanton mit der Eisenbahn – der heutigen Rhätischen Bahn – erschlossen wurde. Um die Schluchten, Täler und Berge zu überwinden, entstanden spektakuläre Bauwerke wie das berühmte Landwasserviadukt. So kam die Eisenbahn 1908 bis nach Pontresina. Daher brauchte es eine bessere Strassenverbindung vom Bahnhof hinauf ins Dorf und zu den Hotels. Um Gäste mit Kutschen abholen zu können, wurde eine zweite Brücke über die Wildwasserschlucht erstellt, breiter als die Punt ota veglia, damit Fahrzeuge gut kreuzen können.
Ein halber Kreis und die Brücke hält
Ist es nicht eindrücklich in einem Brückenbogen zu stehen? Wie passgenau die Keilsteine aneinandergereiht sind, obwohl sie unterschiedliche Formen und Grössen aufweisen. Jahrhundertelang war die klassische Bogenbrücke aus Stein der einzige Brückentyp, um grössere Spannweiten zu erreichen. Ihr grosser Vorteil ist, dass alle nennenswerten Kräfte, die auf das Bauwerk einwirken, als Druckkräfte auftreten, sich von Stein zu Stein übertragen und senkrecht in den Boden abgeführt werden. Dadurch halten Bogenbrücken ein hohes Gewicht aus, zudem sind sie sehr steif und schwingungsfrei.
Seit der Antike bekannt
Einer der Nachteile ist, dass zuerst ein Lehrgerüst erstellt werden muss, eine Hilfskonstruktion aus Holz, die das unfertige Bauwerk abstützt. Das ist aufwändig und teuer; doch die Tragwirkung einer Bogenbrücke entfaltet sich bekanntlich erst, nachdem der Schlussstein gesetzt worden ist. Seit der Antike ist diese Bauweise bekannt und blieb bis ins 20. Jahrhundert die dominierende.


Bogenbrücken mit Weltruhm
In Graubünden entstanden insbesondere um die Jahrhundertwende zahlreiche Steinbogenbrücken, um das spektakuläre Eisenbahnnetz der Rhätischen Bahn zu bauen. Weltberühmt ist das Landwasserviadukt (1902 fertiggestellt), das Zugreisende auf dem Weg ins Engadin überqueren. Aber auch das Wiesener Viadukt bei Davos (1909) oder das Kreisviadukt von Brusio (1908) sind beeindruckende Meisterwerke. Eine Zugfahrt mit der RhB, können wir also nur empfehlen, zum Beispiel auf der UNESCO-Welterbestrecke.
Und plötzlich hält die Eisenbahn
Pontresina hat seit 1908 einen Bahnhof, damals ging das «Stumpengleis» von Samedan kommend in Betrieb, während auf der Linie Chur – St. Moritz bereits seit fünf Jahren die Züge verkehrten. 1910 kam von Tirano die Berninabahn hinzu, und plötzlich war Pontresina von Norden und Süden her bequem erreichbar. Der Tourismus begann zu florieren, Gäste kamen aus nah und fern, stiegen am Bahnhof in Kutschen um und fuhren über die nigelnagelneue Punt ota zu den verschiedenen Hotels. Es war die Zeit der Belle Époque und mit der Muottas-Muragl-Bahn war 1907 auch die erste Bergbahn des Engadins eröffnet worden.
Übrigens: Heute zählt Pontresina nicht weniger als sechs Bahnstationen, die gleichzeitig als Ausgangspunkte dienen, um die diversen Attraktionen der Erlebnisregion Bernina Glaciers zu entdecken.


Die Moderne bringt das Eckige
1964 wurde die neue Punt ota umgebaut respektive erweitert, da Pontresina seine Umfahrungsstrasse erhielt. Diese führt parallel zur Wildwasserschlucht und unter der Punt ota hindurch, allerdings nicht durch einen schönen Rundbogen wie hier, sondern durch ein Rechteck. Der Anbau ist somit eine einfache Balkenbrücke mit Stahlbetonplatte.
Stahlbrücke als neues Wahrzeichen?
Im Gegensatz zu Bogenbrücken wirken in einer Balken- oder Hängebrücke hohe Zugkräfte. Und das Material, das solche Kräfte gut aufnehmen kann, ist Stahl. Deshalb wird Beton mit Stahlstäben armiert; nur so kann man damit moderne Brücken oder Gebäudedecken bauen, die halten. Zudem ist Stahl elastisch, er verformt sich unter Belastung und kehrt wieder in seine ursprüngliche Form zurück.
Dass sich Stahlträger leicht bewegen, kann man auf dem nahen «Schwebebalken» am eigenen Leibe spüren. Diese neueste Brückenkonstruktion von Pontresina bildet den Ausgangspunkt, um die Wildwasserschlucht Ova da Bernina zu entdecken und ergänzt die Punt ota als Wahrzeichen von Pontresina. Wie oft sind Sie schon darauf gelaufen?

Wildwasserschlucht Ova da Bernina
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